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Wenn Peter etwas nicht gefällt, sprechen nur seine Augen.
Seine Lippen und sein Körper bleiben stumm, allein sein Blick drückt Ablehnung
aus. Bei Stress ist eine leichte Anspannung zu spüren, manchmal ein kaum
wahrnehmbares Schwitzen. Viel mehr Möglichkeiten, sich seiner Umgebung
mitzuteilen, hat Peter nicht.
Peter ist Mitte 20 und lebt im Wachkoma. Vier Jahre liegt
der schwere Autounfall zurück, der ein offenes Schädelhirntrauma mit
anschließender Enzephalitis zur Folge hatte. Kurz darauf fiel Peter ins
Wachkoma — ein Zustand, der von Medizinern auch als „Apallisches Syndrom“ oder
„Coma Vigile“ bezeichnet wird. Dabei | |  Die Autorin Brigitte Teigeler zusammen mit einem Betroffenen im Wachkoma |
handelt es sich um einen Funktionsausfall
der Großhirnrinde, wobei das Stammhirn intakt bleibt. Folge ist eine
Bewusstseinsstörung, die im Einzelfall sehr unterschiedliche Formen annehmen
kann. Der Betroffene kann nicht mehr aktiv handeln und nicht mehr adäquat auf
Reize reagieren, die sonstigen Vitalfunktionen bleiben aber erhalten. Nach
Schätzungen der Deutschen Wachkoma Gesellschaft leben etwa
8.000 bis 12.000 Menschen in Deutschland im Wachkoma.
Dauerhafte Pflege erforderlich
Vor dreieinhalb Jahren kam Peter ins Haus Minneburg nach
Wetzlar, einer Facheinrichtung für neurologische Erkrankungen und Beatmung. Die
Einrichtung war ehemals ein Altenheim, spezialisierte sich aber bereits im
Jahre 1985 auf Patienten im Wachkoma, da die Trägerin – selbst Krankenschwester
– Erfahrungen mit diesem Klientel hatte. Zunächst entstand eine spezielle
Station für neurologische Erkrankungen, ab 1998 wurden auch Beatmungspatienten
aufgenommen. Vor drei Jahren wurde der Neubau eröffnet – mit kompletter
Beatmungsstation sowie zwei weiteren Stationen für neurologische Patienten.
Insgesamt 35 Patienten der Phase F werden hier betreut, wobei F die
neurologische Phase bezeichnet, in der dauerhaft betreuende und/oder
aktivierende Leistungen erforderlich sind.
Peter ist seit seiner Aufnahme auf der Beatmungsstation I a
im Haus Minneburg. Hier liegen ausschließlich Patienten, die kontinuierlich
oder intermittierend beatmet werden – Patienten im Wachkoma, aber auch mit
anderen neurologischen Erkrankungen wie der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS).
Ein Stockwerk höher, auf der Station II a, kommen die Patienten, die von der
Beatmung entwöhnt sind, sich aber noch im Wachkoma befinden. In diesem Zustand
zeigen die Patienten nur ungezielte Reaktionen. Sie sind meistens
tracheotomiert und mit einer PEG-Sonde versorgt. Auf der Station III a finden
sich überwiegend Patienten, die den Wachkoma-Zustand verlassen haben, aber noch
erhebliche Behinderungen aufweisen.
Prognose völlig unklar
Die unterschiedlichen Stationen entsprechen dabei aber nicht
einem Stadienverlauf des Appallischen Syndroms. „Welche Entwicklung ein
Wachkoma-Patient nehmen wird, kann man im Vorfeld überhaupt nicht sagen“,
erläutert Dr. Andreas Zieger, Leitender Oberarzt der Abteilung für
Schwerst-Schädel-Hirngeschädigte am Evangelischen Krankenhaus Oldenburg, der
das Outcome von 53 Komapatienten in der eigenen Frührehabilitation ausgewertet
hat. „Rund zehn Prozent der Wachkoma-Patienten versterben, zehn Prozent bleiben
im Dauerkoma und immerhin 80 Prozent der Betroffenen erwachen, sind
bedürfnisnah kognitiv präsent und in der Lage zu kommunizieren. Trotzdem
bleiben meist erhebliche Behinderun-gen zurück“, hält Zieger fest. „Dabei kann
von einer großen Grauzone von etwa 35 Prozent ausgegangen werden, in der nur
ein minimales Antwortverhalten erreicht wird. Bei 75 Prozent aller
Wachkoma-Patienten ist zudem zu erwarten, dass sie körperlich pflegeabhängig
und in spastischer Haltung verbleiben.“
Auch die Mitarbeiter im Haus Minneburg haben die Erfahrung
gemacht, dass kaum vorherzusehen ist, ob und wann ein Patient aufwachen wird.
Oft zeichnen sich Entwicklungsschritte ganz langsam ab – ein kurzer
Blickkontakt, ein leichter Händedruck, eine zaghafte Bewegung. Pflegende und
Therapeuten, die mit diesen Patienten arbeiten, müssen deshalb eine große
Sensibilität für unterschwellige Signale entwickeln. Im Vollbild Wachkoma
deuten zudem nur vegetative Reaktionen auf ein Unwohlsein hin – die
Herzfrequenz nimmt zu, der Blutdruck steigt, der Patient beginnt zu schwitzen.
Anzeichen, dass es dem Patienten gut geht, müssen ebenfalls gedeutet werden:
ein stabiler Kreislauf, eine gestiegene Sättigung, ein entspannter Muskeltonus.
All diese Zeichen gilt es bei der Pflege von Wachkoma-Patienten zu
entschlüsseln. „Daher ist es gerade bei Neuaufnahmen sehr wichtig, den
Patienten gut zu beobachten und sich umfassend mit den Kollegen auszutauschen“,
betont Andrea Schieferstein, die seit drei Jahren als Krankenschwester auf der
Beatmungsstation arbeitet und weitergebildete Pflegeexpertin für Menschen im
Wachkoma ist. „Nur so können individuelle Verhaltensmuster erkannt und
entsprechend darauf reagiert werden.“
Selbst wenn die Prognose und Entwicklung der Patienten
ungewiss bleiben, gilt es im Haus Minneburg als Maxime, alle Patienten so früh,
umfassend und individuell wie möglich zu fördern. Um dieses Ziel zu erreichen,
arbeiten Pflegende und Therapeuten eng zusammen. Steht ein Neuzugang an, fahren
je ein Mitarbeiter der Pflege und der Therapie in die Klinik, um gemeinsam die
Anamnese zu erheben und mit den Angehörigen zu sprechen: Welche Musik hört der
Patient gerne, was hat er gerne gegessen, welche Farben mag er? Ebenso werden
die Wünsche der Angehörigen erhoben, um sie in die weitere Planung integrieren
zu können. Die individuellen Ziele für den Patienten werden von Pflegenden und
Therapeuten dann gemeinsam festgelegt. Grundsätzlich gilt, den Patienten
entsprechend seiner Ressourcen zu fördern und das Bestmögliche aus ihm
herauszuholen. „Trotzdem ist zu beachten, dass jeder Patient seinen eigenen
Rhythmus hat, deshalb ist ein individuelles Vorgehen auch so wichtig“, betont
Gilbert Feja, Therapieleitung der Einrichtung. Die Ziele werden zunächst
bewusst niedrig gehalten – sie sollen erreichbar und realistisch sein, zum
Beispiel Wiedererlernen des selbstständigen Schluckens oder Aufbau eines
Ja/Nein-Codes mittels Kopfdrehen, Nicken oder Hände-/Daumendruck.
Als pflegerische Konzepte kommen im Haus Minneburg die Kinästhetik,
Pflege nach Bobath, Basale Stimulation® und das Affolter-Modell® zum Einsatz.
Ebenso spielt die aktivierende Pflege eine wichtige Rolle sowie die
gewissenhafte Pro-phylaxe von Spätschäden. Darüber hinaus wurden verschiedene
therapeutische Angebote etabliert, um die Wachkoma-Patienten angemessen fördern
zu können, wie die Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie,
Oral-Facial-Therapie, das Kognitivtraining, Arbeitstherapie, Kunsttherapie,
Akupressur und die Magnetfeldtherapie.
Erwachen die Patienten aus dem Wachkoma, müssen sie
alltägliche Dinge wieder ganz neu erlernen. „Wo ist deine Nase?“ fragt
beispielsweise die Therapeutin einen Patienten in der frühen Remissionsphase
und führt seine Hand direkt an seine Nase. „Wo sind deine Ohren?“ Körperteile,
Gegenstände oder Wochentage müssen wie bei einem Kleinkind aufs Neue vermittelt
und eingeübt werden. Kognitionstraining nennt sich dieses Vorgehen, das bei
allen Patienten regelmäßig durchgeführt wird.
Jeder hat seine eigene Geschichte
Die Entwicklungen der Wachkoma-Patienten sind so
unterschiedlich wie die Patienten selbst.
Claudia,
Anfang 30, liegt beispielsweise schon seit zwölf Jahren im Haus Minneburg. Sie hat zu Beginn
ihres Aufenthaltes große Fortschritte gemacht – die Trachealkanüle konnte entfernt
werden und sie begann, wieder selbstständig zu essen und zu sprechen. „Jetzt
stagniert ihr Zustand seit längerer Zeit“, berichtet ihre Therapeutin Frida
Fjorani. „Manchmal macht sie einen sehr unglücklichen Eindruck, weint oder
schreit, und wenn man sie fragt: Was hast du denn?, antwortet sie nur: Ich weiß
nicht.“
Wenn Claudia mit den Pflegenden oder Therapeuten in die
Stadt geht, fürchtet sie sich vor mitleidigen Blicken. Bemerkungen wie „Armes
Kind“, bringen sie zum Rasen, oft beginnt sie dann zu schreien und zu spucken.
„Das ist ein großes Problem“, erklärt Fjorani. „Je wacher die Patienten werden,
desto mehr wird ihnen bewusst, mit welchen Einschränkungen sie leben müssen und
desto größer wird auch ihr Schmerz darüber.“
Auf der gleichen Station liegt
Ildiz,
ein junger türkischer Mann Ende 20. Er fiel nach einem schweren Autounfall ins Wachkoma und kam mit
einer sehr schlechten Prognose ins Haus Minneburg. Jedoch zeigten die vielen
therapeutischen Übungen Erfolg. Heute, zwei Jahre nach dem Unglück, ist Ildiz
in der Lage, auf seine Umwelt zu reagieren und mit ihr zu kommunizieren. Er ist
zwar noch sehr spastisch und benötigt bei allen täglichen Verrichtungen
Unterstützung, spricht aber wieder und ist kognitiv präsent. Ein bis zwei
Stunden pro Tag verbringt Ildiz am Computer. Er hat begonnen, seine Geschichte
aufzuschreiben – sein früheres Leben, der Unfall, die Zeit in der Klinik. Eine
Spezialtastatur mit extrem großen Buchstaben hilft ihm, trotz vorhandener
Koordinationsstörungen selbstständig zu tippen.
Ein Zimmer weiter liegt der 22-jährige
Manuel,
seit zweieinhalb Jahren auf der Station, ebenfalls ein Wachkoma-Patient. Sein
Zustand war zu Beginn sehr eingeschränkt und Manuel zeigte kaum Reaktionen.
Heute isst er wieder selbstständig, unterhält sich gerne und macht jeden Tag
neue Fortschritte. Sein großes Ziel, an dem nun gearbeitet wird, ist, wieder
laufen zu können. Jedes zweite Wochenende fährt er zu seinen Eltern und seinem
Bruder nach Hause. An seiner Schrankwand zeugen verschiedene Fotos von den
letzten zwei Jahren: Manuel zu Hause im Rollstuhl mit Geburtstagstorte in der
Hand, im Schwimmbad auf einem Liegestuhl, in der Disco mit seiner Therapeutin.
Soziales Kompetenztraining werden diese Aktionen genannt, bei denen die
Patienten lernen sollen, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen und wohl zu
fühlen. Dazu gehören Spaziergänge, Kinobesuche, Essen gehen oder auch
regelmäßige Besuche in der Disco für körperbeeinträchtigte Menschen in Limburg.
Manuel ist der Sonnenschein der Station. Er freut sich über
jeden, der zu ihm kommt, und versprüht mit seinem schelmischen Lächeln Charme
und gute Laune. Ein besonders inniges Verhältnis hat er zu seiner Therapeutin
Frida Fjorani entwickelt, die er mit Koseworten überschüttet und gerne umarmt.
„Vertrauen und Beziehung sind in der Betreuung von Wachkoma-Patienten extrem
wichtig“, betont Fjorani. „Dazu gehören Körperkontakt, Nähe und dem Patienten
das Gefühl zu vermitteln, ich mag dich genau so, wie du bist.“
Was tun, wenn der Zustand stagniert?
Jedoch zeigen nicht alle Patienten so positive Verläufe wie
Manuel oder Ildiz. Manche verbleiben trotz intensiver Förderung in einem
Zustand, der sich zwischen Leben und Tod bewegt, in dem es keine
Eigeninitiative gibt, keine gezielten Reaktionen, keine Kommunikationscodes.
Ein Zustand, der über Jahre, in Einzelfällen sogar über Jahr-zehnte anhalten
kann.
„Einige Patienten liegen sehr lange hier“, berichtet Gilbert
Feja, „zeigen sich keine Erfolge, müssen die Ziele umdefiniert werden. Dann
geht es vielleicht weniger um die individuelle Förderung, sondern mehr darum,
dem Patienten ein positives Lebensgefühl zu vermitteln und ihn in verschiedene
Aktivitäten einzubinden, zum Beispiel Ausflüge mit den Angehörigen in die Stadt
oder die Teilnahme an einem Konzert. Die Patienten bekommen, auch im Vollbild
Wachkoma, sehr viel mehr mit, als wir manchmal glauben.“
Eingebunden werden die Patienten auch in familiäre
Geschehnisse. Vor kurzem ist beispielsweise ein junger Patient im Wachkoma
Onkel geworden. Da kamen die Eltern mit dem Säugling im Haus Minneburg vorbei,
damit die beiden sich kennen lernen können. Haustiere kommen zu Besuch, und
auch Therapiehunde werden eingesetzt, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass
diese eine sehr beruhigende Wirkung auf die Wachkoma-Patienten haben. „Im
Wachkoma geht es vor allem um die Vermittlung ganz basaler Erfahrungen“,
erzählt Andrea Schieferstein, „dazu gehört, die Patienten einfach mal
alltägliche Dinge spüren zu lassen, ihnen beispielsweise ein Wasserglas in die
Hand zu geben, sie unterschiedliche Materialien ertasten zu lassen oder sie mit
geführter Hand zu waschen.“ Die Basale Stimulation® sei hier das zentrale
Medium, um mit den Patienten in Kontakt zu treten.
Auch Peter profitiert von diesen Erfahrungen. Kommt sein
Hund zu Besuch und wird seine Hand auf das warme Fell gelegt, ist seine
Entspannung deutlich spürbar. Andrea Schieferstein, die ihn schon seit drei
Jahren kennt und pflegt, ist überzeugt, dass Peter eine ganze Menge mitbekommt.
Und seinen Sinn für Humor nicht verloren hat. „Wenn irgendwas bei der Pflege
mal nicht klappt“, erzählt sie, „dann ist ihm deutlich anzumerken, wie er in
sich hineingrinst.“ Auch wenn seine Lippen und sein Körper stumm bleiben.
Brigitte Teigeler
E-Mail: brigitte.teigeler@bibliomed.de
Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung
des Bibliomed Verlags
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