Logopädie in der Langzeitversorgung von Menschen im Wachkoma

 
 
Inhaltverzeichnis
Einleitung / Schluckstörungen | Mundpflege | Trachealkanülenmanagement |
Abschließende Gedanken
 
 
 

Mundpflege

 
 

In der logopädischen Therapie hat neben der Schlucktherapie auch die Mundpflege eine tragende Rolle. Sowohl die Durchführung als auch die Beratung und Anleitung von Pflegekräften, Angehörigen und Therapeuten anderer Disziplinen kann durch die Logopädie geschehen.

Die meisten Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzungen benötigen bei der täglichen Mundpflege eine pflegerisch/therapeutische Unterstützung. Führen wir uns vor Augen, dass der Mundbereich ein Intimbereich ist, so müssen wir ihn mit Respekt und Wertschätzung betreten. Im Pflege- und Therapiealltag sind wir diejenigen, denen dieses Privileg zuteil wird. Wir dürfen einen Mundbereich betreten und ihn individuell versorgen! Die Tatsache, dass Menschen im Wachkoma, von vielen Pflegekräften / Therapeuten betreut werden, schafft jedoch ein Problem: es bestehen unterschiedliche Vorgehensweisen in der Durchführung der Mundpflege und bezüglich der Auswahl von Hilfsmitteln und Materialien. Das hat Unsicherheit, Missempfindungen und Ängste auf beiden Seiten zur Folge mit der Konsequenz, dass uns die Bewohnermünder verschlossen bleiben. Es werden im wahrsten Sinne des Wortes die Zähne zusammengebissen.

Schnell heißt es dann: „Der Bewohner macht den Mund nicht auf und verweigert sich.“

Nicht geeignete Hilfsmittel
Nicht geeignete Hilfsmittel
   Ich glaube nicht, dass unsere Bewohner uns damit sagen, dass sie keine Mundpflege möchten. Meiner Meinung nach vermitteln sie uns viel mehr: „So möchte ich die Mundpflege nicht!“. Denn auch wir kennen Situationen (z. B. beim Zahnarzt), in denen in unserem Intimbereich Mund mit allerlei unangenehmen Werkzeug gearbeitet wird und uns im schlimmsten Fall Schmerzen zugefügt werden. Zu allem Überfluss noch in einer Lage (halb liegend), die uns recht hilflos macht und das Gefühl vermittelt, ausgeliefert zu sein. Aus diesem
Grund darf das für die Durchführung der Mundpflege nur bedeuten: Sicherheit vermitteln, Vertrauen schaffen, adäquate Hilfsmittel einsetzen und nach Prinzipien arbeiten, die Struktur schaffen und wie ein Ritual immer wiederkehren. Denn auch wir haben bezüglich Mundpflege individuelle Rituale.

Was heißt es, nach den Prinzipien der Mundpflege zu arbeiten? Zunächst einmal, dass alle Menschen, die mit den Betroffenen arbeiten, die gleiche Vorgehensweise haben. Im Team sollten Mundpflegepläne erarbeitet, im Pflegeverlauf kontrolliert und ggf. verändert werden. Eine Notwendigkeit besteht darin, diese Abläufe transparent und präsent zu machen. Konkret kann das bedeuten, dass mit Symbolkarten, die entsprechende Kennzeichnungen und Eintragungen aufweisen, gearbeitet wird. Hängen diese Symbolkarten gut sichtbar in der unmittelbaren Nähe des Betroffenen, können alle aus dem Pflege/Therapeutenteam nachvollziehen, wie die Mundpflege durchzuführen ist.

Gleiche Kenntnisstände hinsichtlich der Kontaktaufnahme über die Initialberührung erfüllt hierbei das Kriterium weit außerhalb des Gesichts zu beginnen. Denn: „Mundpflege beginnt nicht an den Lippen!“ Wenn alle diejenigen, die eine Mund-

   Symbolkarte zur Initialberührung
Symbolkarte zur Initialberührung
pflege durchführen, den Mundraum nicht mehr komplex betrachten, sondern abschnittweise reinigen und stimulieren, kann das von den Betroffenen besser nachvollzogen werden. Spürinformationen durch unsere Hände entlang der Wangen zu den Lippen verdeutlichen den Weg zum Intimbereich Mund bevor wir ihn betreten.

Geeignete Zahnbürsten
Geeignete Zahnbürsten
   

Die individuelle Stelle, an der wir den Mundinnenraum betreten, ist ebenfalls auf den Symbolkarten sichtbar markiert, ebenso wie das weitere Vorgehen. Die eigentliche Versorgung der Mundhöhle kennzeichnet sich durch den Einsatz sehr weniger Hilfsmittel (Mullkompresse, Fingerzahnbürste oder Kinderzahnbürste). Die Pflegemittel sind individuell ausgewählt (keine scharfen Cremes, Spülungen), je nachdem ob Reizungen, Entzündungen oder Blutungen gepflegt werden, Geschmack vermittelt wird oder ein Frischegefühl erzeugt werden soll. Klare, eindeutige, langsame Impulse während der Durchführung unsererseits stärken somit die Wahrnehmung und das Gefühl im Mund. Sie können Bewegungen wie saugen, schmatzen und schlucken zur Folge haben.
 

Mundpflege bietet demnach die große Chance, unseren Bewohnern Lernangebote hinsichtlich aktiver Bewegungen im Gesichts- und Mundbereich zu vermitteln.

Mundpflege ist vielfach auch eine wichtige Vorbereitung auf das anschließende Essen und Trinken. Denn je mehr der Mundinnenraum gespürt wird, desto besser kann das anschließende Kauen und Schlucken vollzogen werden. Somit wird deutlich, dass eine pflegerisch/therapeutisch angebotene Mundpflege maßgeblich an der Steigerung der Lebensqualität beteiligt ist und einen fördernden Einfluss hat.

   Schleimhaut-, Lippen- und Zungenpflege
Schleimhaut-, Lippen- und Zungenpflege

Bildnachweis: Alle Aufnahmen Kerstin Schlee

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Kerstin Schlee
Kerstin Schlee

Die Autorin ist staatlich anerkannte Logopädin und seit 1996 selbständig in eigener Praxis tätig.Sie hat sich auf die Behandlung von Menschen in und nach Wachkoma spezialisiert und dazu bereits mehrere Fachartikel veröffentlicht.

Schluckstörungen
Schluckstörungen

Ein Buch von Kerstin Schlee, in dem sie einen Überblick über die Thematik gibt, ergänzt um eine umfangreiche Rezeptsammlung.

Symbolkarte Initialberührung
Symbolkarte Initialberührung

Nur für Mitglieder:

Logopädie in der Langzeitversorgung
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Druckfassung des Beitrags von Kerstin Schlee: "Logopädie in der Langzeitversorgung von Menschen im Wachkoma" in der 1. Fassung vom September 2008. (Nur für Mitglieder)
 


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