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Einführung
Jeder Fortschritt, auch wenn er vielleicht sehr klein erscheint, kann für den Patienten sehr viel bedeuten und die Qualität seines Lebens wesentlich erhöhen.
Wir dürfen deswegen nicht aufgeben – die Patienten geben nie auf, auch wenn der Weg unendlich lang sein mag und die anspruchsvolle Arbeit sehr lange dauert.
Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie bereit Patienten stets sind, oft jahrelang, die harte Arbeit fortzusetzen – junge Kinder, Jugendliche und Erwachsene!
Wir können leider nicht die Läsion selbst verändern, aber durch die richtige Behandlung und Betreuung können wir für die Patienten sehr viele Verbesserungen erreichen.
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Patricia (Pat) Davies, die Autorin |
Wir können leider nicht die Läsion selbst verändern, aber durch die richtige Behandlung und Betreuung können wir für die Patienten sehr viele Verbesserungen erreichen.
Idealerweise erfolgt natürlich eine langfristige Behandlung durch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden, die Erfahrung mit den komplexen Problemen haben und die richtige Art der Behandlung kennen. Oft aber ist dies leider nicht möglich, weil am Wohnort des Patienten solche Therapeuten fehlen. Auch sind die Krankenkasse ganz selten bereit, die Kosten einer andauernden Therapie zu übernehmen. Die Einbeziehung der Angehörigen des Patienten mit ausführlichen Instruktionen und praktischen Übungen ist deshalb unerlässlich.
Der Weg nach vorne
Was muss dieser Weg nach vorne beinhalten, um weitere Fortschritte zu erzielen? Unabhängig davon, ob die Therapie von einer Therapeutin oder von Angehörigen durchgeführt wird, müssen die folgenden 7 Grundsätze und Ratschläge unbedingt umgesetzt und befolgt werden, auch dann, wenn anderen Behandlungsarten zusätzlich ausprobiert werden.
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Eine Behandlung des Gesichtes und des Mundes sowie das Essen und Trinken ermöglichen
Der Mund ist wie das Tor zum Gehirn. Es ist erstaunlich, wie positiv die Patienten reagieren, wenn sie wieder etwas Gutes in ihren Mund zu spüren bekommen – manchmal nach vielen Jahren, sogar 10 Jahren! Es ist für uns kaum vorstellbar, dass wir nicht das Essen und Trinken genießen könnten. Schrecklich, oder? Ich bin davon überzeugt, dass jeder Patient, der ein Jahr nach seiner ursprünglichen Läsion überlebt, wieder essen lernen könnte, wenn ihm gezielt geholfen wird.
Wichtige Punkte einer solchen Hilfe sind:
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Bewegungen des Gesichtes und des Mundes mit Fazilitation
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Bewegungen der Zunge mit Unterstützung
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Kauern auf harter, in Gaze gewickelter Kost, um die Kaubewegungen zu stimulieren und um den Patienten verschiedene Konsistenzen erfahren zu lassen.
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Hilfestellung beim Essen mit einem geeigneten Löffel
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Hilfestellung beim Trinken
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Regelmäßiges Zähne putzen mit Hilfe mit zwei Stangen, falls notwendig
Beobachtbare Kriterien um zu entscheiden, mit dem Essen anzufangen und später fortzusetzen, ohne dass harte Kost in Gaze gewickelt werden muss, sind:
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Verschluckt er sich im Liegen am eigenen Speichel?
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Hustet er?
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Macht er Töne?
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Kaut er auf der Gaze, wenn darin harte Kost wie ein Stuck Apfel ist?
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Das Vermeiden von Kontrakturen und Deformitäten, die wiederkehrende Aktivität verhindern. Bestehen bereits Einschränkungen der Beweglichkeit müssen Maßnahmen getroffen werden, sie zu überwinden.
Die Hauptursache von Kontrakturen ist die Dauerstellungen des Körpers und der Extremitäten in fixierten stereotypischen Haltungen, im Liegen wie im Sitzen.
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Korrekte Lagerungen im Bett sind deswegen unbedingt notwendig, wie zum Beispiel die Bauchlage.
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Im Sitzen können viele Anpassungen des Rollstuhls helfen, weil der Patient sonst tagsüber sehr lange in Fehlstellungen sitzen könnte.
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Assistierte Bewegungen im Rollstuhl sind erforderlich, wenn der Patient sich noch nicht selbst bewegen kann. Wir bewegen uns ständig, z.B. beim Autofahren auf langen Strecken.
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Das Aufrechtstehen mit Unterstützung
Das Stehen hilft nicht nur, Kontrakturen zu vermeiden, sondern es verbessert auch andere Hirnleistungen.
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Stehen mit Hilfe von Knieschienen und mit einer Bandage unter den Zehen.
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Nach vorne zum Tisch beugen und wieder aufrecht kommen.
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Standphase mit einem Fuß auf eine Stufe tippen oder einen Fußball wegtreten.
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In der Küche mit den Knien gegen den Küchenschrank stehen.
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Wenn ein Kipptisch oder Stehstuhl benutzt wird, dann sollte das Stehen mit einer sinnvollen Aufgabe kombiniert werden.
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Intensive Führen (geführte Interaktionstherapie nach Affolter) in alltäglichen problemlösenden Aktivitäten, statt nur passive Bewegungen und schmerzhaftes „Stretching“ oder der Gebrauch von Botulinum Toxin oder Baclofen Pumpen. Wenn dem Patienten geholfen wird, in körperlichen Kontakt mit seiner Umgebung und mit vertrauten Gebrauchsgegenständen zu kommen, dann lässt die Spannung oder Hypertonus nach.
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Mobilisation des Nervensystems selbst.
In unserem täglichen Leben werden normalerweise Nervenimpulse während zahlreicher Bewegungen und in vielen verschiedenen Haltungen transportiert. Nach einer Läsion im Nervensystem entsteht aber eine erhöhte Spannung, die diese Eigenschaft verhindert. Weil das Nervensystem ein Kontinuum ist, ein Netz von Nerven und von neuralen Strukturen, zieht Spannung in einem Teil des Körpers auch andere Teile in abnormale Haltungen und beeinträchtigt die Beweglichkeit erheblich.
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Nicht nur Muskeln, auch die Nerven sind gespannt und müssen mobilisiert werden
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In den Langsitz mobilisieren, um das Nervensystem zu verlängern und funktionelle Bewegungen zu erleichtern
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Wiederkehrende Aktivität nach Mobilisation des Nervensystems
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Veränderung von fixierten Gewohnheiten während des täglichen Lebens und der Hilfestellungen, was auch die Sitzhaltung und Lagerungen im Bett einschließt
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Anziehen nicht nur immer im Liegen
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Schuhe mit fester Schuhsohle für die Füße an Pedalen
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Mund mit einer Serviette putzen, die in der eigenen Hand gehalten wird
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Andere Arten an Kost probieren
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Nicht immer das Gleiche sagen, wie z.B. „Augen aufmachen“ oder „Schau mich an“. Der Patient hört sonst mehrmals am Tag immer wieder Sätze wie zum Beispiel: „Bist Du jetzt müde?“ oder „Du bist jetzt müde“
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Den Patienten nicht immer in gleicher Weise ins Bett bringen. Ein Rutschbrett ist sehr zu empfehlen.
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Szenenwechsel mit neuen Eindrücken und Erfahrungen, statt immer nur im Krankenzimmer bleiben – oder noch schlimmer,viel zu viel Zeit im Bett verbringen. Nicht nur aus dem Bett, sondern aus dem Haus hinaus, um wieder Interesse an dem Leben zu gewinnen.
Als ich noch jung war, habe ich gar nicht begriffen, wie vielfältig und umfassend Physiotherapie sein sollte. Ich habe, wie viele andere es noch in heutigen Tagen machen, die Behandlung und Rehabilitation im Behandlungszimmer durchgeführt. Ich war dann sehr zufrieden, wenn ich den Patienten mit passiven Bewegungen gut mobilisiert und ihn zum Stehen gebracht habe. Jetzt, nachdem ich unendlich viele Patienten zu Hause betreut, behandelt und beraten habe, verstehe ich, wie begrenzt ein solches therapeutisches Angebot ist. Viel wichtiger ist, wie das Leben des Patienten nach seiner Entlassung vom Spital oder Rehabilitationszentrum gestaltet wird, wie kann ich ihm weitere Fortschritten ermöglichen und wie kann ich die Qualität seines Lebens erhöhen.
Schlussgedanken
Menschen sind fähig zu lernen, auch in höherem Alter. Wie der 4-jährige Sohn von Professor Kesselring einmal seinem Vater sagte:
„Papa, wenn wir nicht mehr lernen, dann sind wir doch tot, oder?“
Und so ist es bei unseren Patienten mit schweren Hirnläsionen auch! Sie sind doch sehr lebendig und sie können auch lernen, wenn ihnen angemessen geholfen wird. Dazu muss die Therapie, die angeboten wird, stimmen und die Betreuung im Alltag therapeutisch durchgeführt werden.
Die Therapie sollte nicht schmerzhaft sein und eine Andeutung des Patienten, dass ihm etwas weh tut, muss immer berücksichtigt werden. Die Aktivitäten müssen für den Patienten sinnvoll sein und er sollte die Aufgabe und den Sinn verstehen und das Ziel erkennen können. Die Aufgabe muss für ihn in seinem jetzigen Zustand möglich sein, auch wenn er für ihre erfolgreiche Bewältigung noch Hilfe oder Führung braucht. Dann wird jeder Patient ganz sicher gerne mitmachen und es gäbe keinerlei Problem mit der „Motivation“, wie sonst so oft gesagt wird!
Wir dürfen nie aufgeben. Mit dem beschriebenen Behandlungskonzept wird immer wieder bewiesen, dass die leider all zu oft wiederholte prognostische Aussage, dass Funktionen und Aktivitäten nur in dem ersten Jahr zurückkehren, ganz einfach nicht wahr ist! Eine solche Voraussage ist nur eine selbsterfüllende Prophezeiung. Sie führt dazu, dass therapeutische Maßnahmen aufhören. Als Folge davon macht dann der Patient tatsächlich keine Fortschritte mehr.
Natürlich sind die Fortschritte leichter und schneller während des ersten Jahres zu erreichen, aber wie auf Deutsch gesagt wird:
„Es ist nie zu spät, aber immer höchste Zeit“
Patricia Davies Vortrag anläßlich der Rehacare Düsseldorf, Oktober 2008
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