Infektionsprophylaxe Bei Noroviren schnell handeln
Autorin: Sabine Niknam
Da sich der Erreger von Magen-Darm-Erkrankungen rasant ausbreitet, ist in Gemeinschaftseinrichtungen schnelles Handeln gefragt.
| |  Noroviren auf einen Blick |
Durch Noroviren ausgelöste Magen-Darm-Erkrankungen rangieren gleich nach dem grippalen Infekt auf Platz 2 der Liste aller Viruserkrankungen. Ihr saisonaler Verlauf mit einem steten Anstieg ab Oktober,
einem Höhepunkt in den Monaten Februar/ März und dem langsamen Abebben im April hat der Magen-Darm-Erkrankung auch den Zusatz „winter vomiting disease“ eingebracht. Warum die nur 27 Millionstel Millimeter
großen Viren ausgerechnet im Winter für regelrechte Epidemien sorgen, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Vom Grippe-Virus ist bekannt, dass Kälte den Erreger besser konserviert. Ein Phänomen, das
auch auf das zur Familie der Caliciviren gehörende Norovirus zutreffen könnte. Ein intensivierter enger Kontakt von Menschen in geschlossenen Räumen sowie eine geschwächte Abwehr tragen vermutlich
ebenfalls zur Ausbreitung des Virus im Winter bei.
Deutliche Zunahme an Infektionen
In den letzten Jahren wurde ein dramatischer Anstieg an Norovirus-Infektionen beobachtet. Insbesondere Krankenhäuser und Alten- und Pflegeheime müssen bei Verdacht oder Gewissheit einer
Noroviren-Infektion schnell handeln, um die für das Virus charakteristische, überaus schnelle Ausbreitung zu verhindern. Eine Noro- viren-Infektion ist durch häufig explosionsartiges Erbrechen,
verbunden mit starken Durchfällen und einem ausgeprägten Krankheitsgefühl gekennzeichnet. Hinzu kommen Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Übelkeit. Die klinischen Symp-tome dauern etwa zwölf bis
72 Stunden an, auch leichtere oder asymptomatische Verläufe sind möglich. Eine Impfung gegen Noroviren gibt es nicht. Die Therapie erfolgt rein symptomatisch durch Ausgleich des erheblichen
Flüssigkeits- und Elektrolytverlustes.
Hohes Risiko durch lange Ansteckungsfähigkeit
Die Inkubationszeit einer Noroviren-Infektion beträgt zehn bis 50 Stunden. Patienten, die bereits genesen sind, können das Virus aber noch bis zu zwei Wochen aus- scheiden. Diese lange
Ansteckungsfähigkeit in Kombination mit der Infektiosität des Erregers stellt besonders in Gemeinschaftseinrichtungen ein hohes Infektionsrisiko dar. So reichen für eine Ansteckung zehn bis
100 Viruspartikel aus. Zum Vergleich: Ein Milliliter Patientenstuhl kann bis zu 100 Millionen Viruspartikel enthalten. Auch in Erbrochenem sind die Erreger nach Erkrankungsausbruch in sehr
hoher Konzen-tration nachweisbar.
Die Übertragung von Noroviren erfolgt als Schmierinfektion in erster Linie über die Hände bzw. Flächen oder Tröpfcheninfektion (z.B. Husten, Niesen, Erbrechen). Ebenfalls können kontaminierte
Speisen zur Infektionsquelle werden. Noroviren sind äußerst widerstandsfähig und können auf unbelebten Oberflächen über eine Woche lang ansteckungsfähig bleiben. In Verbindung mit mangelnder
Händehygiene besteht daher immer die Gefahr von Rekontaminationen. Noroviren verfügen über eine große Widerstandsfähigkeit gegenüber Umwelteinflüssen und überstehen Temperaturschwankungen
von –20°C bis +60°C und hohe Chlorkonzentrationen.
Virustötende Desinfektion erforderlich
Die hohe Umweltresistenz der Noroviren hat Konsequenzen für ihre Bekämpfung, insbesondere beim Einsatz von Desinfektionsmitteln. Die Desinfektionsmaß- nahmen sollten ausschließlich mit
virustötenden Desinfektionsmitteln erfolgen. Für die Produktauswahl sollte die Desinfektionsmittel-Liste des Robert-Koch-Instituts (Wirkungsbereich A/B) herangezogen werden, die bei
behördlich angeordneten Entseuchungen (gemäß IfSG § 18) obligat ist. Da Noroviren in Gesundheitsein- einrichtungen hauptsächlich über die Hände weiterverbreitet werden, gehört die an das
tatsächliche Risiko angepasste Händedesinfektion zu den wichtigsten Maß-nahmen bei der Prävention und Bekämpfung von Ausbrüchen. Vom Robert Koch-Institut liegt eine Empfehlung zur Anwendung
viruzider Hände-Desinfektionsmittel vor. Gegenwärtig ist Sterillium® Virugard das einzige alkoholische Händedesinfek- tionsmittel in der RKI-Liste (Wirkungsbereich A/B). Die Leistungsfähigkeit
von Sterillium® Virugard bei Noroviren wurde in zahlreichen RKI-Veröffentlichungen dokumentiert. Empfohlen wird eine verlängerte Einwirkzeit bei der hygienischen Händedesinfektion von zwei Minuten.
Organisatorische Maßnahmen zur Verhütung
Gibt es erste Hinweise auf eine Noroviren-Infektion, sollten – auch wenn die mirko- biologischen Ergebnisse noch ausstehen – bereits Maßnahmen zur Verhütung weiterer Infektionen eingeleitet werden.
Meldepflicht
Gemäß Infektionsschutzgesetz (IfSG) ist eine Infektion bereits ab zwei Erkrankungen sowie bei Nachweis im Stuhl gegenüber dem Gesundheitsamt meldepflichtig.
Abklärung
- Parallel zu bakteriologischen Untersuchungen sollte eine gezielte Diagnostik (Stuhlproben / PCR-Methode in speziellen Laboratorien) erfolgen.
- Ursachenforschung.
Isolation des/der Erkrankten
Patienten/Bewohner mit Norovirus-Infektion sollten umgehend isoliert werden (eigenes WC), Aufhebung der Isolierung zwei Tage nach Ende der klinischen Erscheinungen.
Umstellung Desinfektionsmittel
Umstellung von Hände- und Flächendesinfektionsmitteln auf viruzide Produkte (Wirkungsbereich A/B). Veränderte Konzentrationen/Einwirkzeiten beachten
(Desinfektionsplan meldepflichtige Erkrankungen). Tägliche Scheuerwisch-Desin- fektion aller patientennahen Kontaktflächen, inkl. Türgriffe.
Weitere Maßnahmen Patient/Bewohner
- Minimieren von Bewohner- und Personalbewegungen
- Unterweisung von Patienten/Bewohnern sowie Kontaktpersonen hinsichtlich korrekter Händedesinfektion mit einem viruswirksamen Hände-Desinfektionsmittel
- Aufklärung von Kontaktpersonen hinsichtlich Infektionsrisiken (z.B. face-to-face-Übertragung).
Personal
- Freistellen erkrankten Personals von der Arbeit auch bei geringer klinischer Symptomatik bis zwei Tage nach Ende der klinischen Erscheinungen.
- Nach Wiederaufnahme besondere Sorgfalt bei der persönlichen Händehygiene (längere Virusausscheidung möglich)
- Gründliche Schulung des Personals zum notwendigen Hygienemanagement.
Hygienische Grundregeln bei Noroviren
Allgemeine Maßnahmen:
- Bei Kontakt Anlegen von Einweghandschuhen, Schutzkittel und ggf. Mund-Nasen-Schutz (Übertragungsrisiko durch Erbrochenes)
- Nach Kontaminationen, z. B. durch Erbrochenes, Fläche sofort desinfizierend reinigen (Mund-Nasen-Schutz anlegen)
- Nach Patienten-/Bewohnerkontakt, nach Ablegen der Einweghandschuhe, vor Verlassen des Zimmers: Konsequente Händedesinfektion mit einem viruswirksamen Händedesinfektionsmittel (Sterillium® Virugard, 2 Min.)
Bewohner anleiten
- Korrekte Durchführung der hygienischen Händedesinfektion mit einem viruswirksamen Händedesinfektionsmittel (vor Verlassen des Zimmers, nach dem Toilettengang usw.)
- Weiterführung der Händehygiene noch mindestens eine Woche nach Ende der klinischen Erscheinungen.
Speisenzubereitung
- Basishygiene (Fläche, Hände) auch in der Hauswirtschaft konsequent befolgen
- Kurzzeitiges Kochen von Speisen bei Temperaturen über 90°C
- Snacks, Süßigkeiten usw. in Aufenthaltsräumen auf Stationen grundsätzlich lieber als verpackte Einzelportionen und nicht offen in Schalen bereithalten.
Wäsche- und Geschirrdesinfektion
- Bett- und Leibwäsche als infektiöse Wäsche in einem geschlossenen Wäschesack transportieren. In einem chemothermischen Waschverfahren > 60° C reinigen.
- Geschirr kann in der Regel wie üblich maschinell gereinigt werden. Erfahrungen haben gezeigt, dass die schnelle Umsetzung organisatorischer Maßnahmen in Kombination mit der Einhaltung
hygienischer Grundregeln und dem Einsatz viru- zider Desinfektionsmittel innerhalb kurzer Zeit zu einer Beendigung von Norovirus-Ausbrüchen führen können. Damit alle Maßnahmen reibungslos
ineinandergreifen, sind Schulungen empfehlenswert, die noch in „Friedenszeiten“, also unabhängig vom Ausbruchsgeschehen, durchgeführt werden.
Noroviren – auf einen Blick
- Typische Symptome sind Durchfälle, explosionsartiges Erbrechen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Mattigkeit.
- Die Ansteckung erfolgt über Schmierinfektion, insbesondere über die Hände.
- Auch eine Tröpfcheninfektion über Erbrechen oder die Übertragung über kontaminierte Lebensmittel ist möglich.
- Schon 10–100 Viruspartikel reichen aus, um eine Infektion auszulösen.
- Noroviren-Infektionen treten in allen Altersgruppen auf.
- Die akute Erkrankung hält durchschnittlich 24 Stunden.
- Patienten, die genesen sind, können das Virus noch ein bis zwei Wochen weiter verbreiten.
- Eine Therapie gibt es nicht – die Beschwerden werden symptomatisch behandelt, z. B. durch Ausgleich des Flüssigkeits- und Elektrolytverlustes.
- Es gibt keine Impfung gegen Noroviren.
- Noroviren sind äußerst widerstandsfähig und können auf unbelebten Oberflächen eine Woche lang ansteckungsfähig bleiben.
Quelle: „Die Schwester Der Pfleger“ 47. Jahrg. 01/08, Seite 28-30
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